Presseartikel

Allgäuer Zeitung vom 19.07.2005

Gegen das Krähen-Gekrächz ist kein Kraut gewachsen

Gefiederte "Singles" rauben Freudental-Bewohnern die Ruhe

Kempten (pa)


Die zwei haben das Herumschweifen
als Singles hinter sich:
Krähenpaar bei seinem Horst im Stadtpark
Foto: Hermann Ernst

"Spätabends ist die Hölle los," klagt Hans Hiemer, "und in der Früh hörst du keinen Wecker, so ein Spektakel machen die." Damit beschreibt er nicht etwa, wie man vermuten könnte, das alkoholselige Krakeelen menschlicher Nachtschwärmer. Was Hiemer und seinen Nachbarn im Freudental die Ruhe raubt, ist vielmehr ein großer Schwarm schwarzer Vögel. Was tun? Den tröstend gemeinten Hinweis von Tierschützern, es handle sich bei den Störenfrieden um äußerst seltenes und darum schützenswertes Federvieh, kann Hiemer jedenfalls nicht mehr hören: "Die haben leicht reden, die wohnen ja nicht hier."
Jeden Morgen zwischen 5 und 6 Uhr, beschreibt Hans Hiemer die Situation im Bereich Freudental/Keselstraße, flattert ein Riesenschwarm nachtschwarzer Vögel mit ohrenbetäubendem Gekrächz davon, um abends zwischen 22 und 23 Uhr ebenso lautstark wieder einzufliegen. Wohin? Irgendwo in ihr Nachtquartier, das die Anwohner im Bereich der Tierzuchthalle vermuten.
Derartige Klagen kannte man bei der Stadtverwaltung bislang eigentlich nur aus der Innenstadt. Denn im Bereich Stadtpark/Markthalle/Sandstraße ist, wie mehrfach berichtet, seit vielen Jahren die südlichste Saatkrähen-Kolonie Deutschlands beheimatet. Insgesamt 44 Brutpaare hat man dort zuletzt gezählt. Doch wenn es auch in Kempten nicht danach aussieht: Europaweit sind die Saatkrähen in der Tat äußerst seltene und darum besonders streng geschützte Vögel. Als heuer im Frühjahr erstmals auch Klagen von Freudental-Anwohnern laut wurden, vermutete man zunächst, so Uwe Sutter vom Umweltamt, die Saatkrähen hätten im Bereich Boleitehang/Tierzuchthalle eine neue Brutkolonie gegründet. Deshalb wurde, gemeinsam mit Brigitte Kraft vom Landesbund für Vogelschutz, eine Begehung des gesamten Viertels unternommen.
Die Theorie von der neuen Brutkolonie bestätigte sich dabei jedoch nicht. Denn zwar entdeckte man drei Horste von Rabenkrähen. Die aber, so Sutter, nicht das Problem darstellen, weil sie einzeln nisten und nicht in Massen auftreten. Von neuen Nestern der Saatkrähen dagegen fand sich keine Spur.
Gleichwohl wurde die Lärmquelle ausgemacht, die im Freudental für Unruhe sorgt: Ein gefiederter Mulitikultischwarm von rund 60 Saatkrähen und etwa 40 Dohlen. Tagsüber schwärmen sie zwecks Futtersuche aus, zum Übernachten lassen sie sich auf dem Flachdach des Bezirkskrankenhauses nieder.
Das klingt, wo Saatkrähen doch so imposante Horste bauen, ziemlich unbehaust. Und genau darum, erklärt Fachfrau Brigitte Kraft, handelt es sich auch. Denn die Freudental-Krähen seien noch nicht geschlechtsreife Jungvögel, Singles also. Erst wenn sie einen Partner gefunden haben (dem sie dann übrigens, anders als manch nächtlicher Ruhestörer der ungefiederten Art, strikt monogam zugetan bleiben), schließen sie sich einer Brutkolonie an und bauen sich ein Nest. Oder gründen auch schon mal, wenn die Nistmöglichkeiten ausgereizt sind, eine neue Kolonie.

Bleibt nur das Prinzip Hoffnung

Unternehmen könne die Stadt, so Uwe Sutter, bei der Sachlage gegen das Gekrächze im Freudental leider gar nichts. Würde man den Vögeln auf irgendeine Weise das Übernachten auf dem Bezirkskrankenhaus verleiden, ließen sie sich postwendend auf einem anderen Flachdach nieder, von denen es in der Umgebung genügend gebe. Bleibt den Anwohnern also nur das Prinzip Hoffnung: Dass die Jungkrähen bald ihr Singledasein beenden. .

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