Presseartikel

Allgäuer Zeitung vom 17.05.2005

Bitte Hände weg von jungen Vögeln

Vogelschutzbund fordert: Kleine Nestflüchter auf keinen Fall mitnehmen

Oberallgäu(hcr).
Jungvögel, die benommen am Wegrand sitzen oder unbeholfen durchs Gras hüpfen, werden nicht selten von mitleidigen Menschen im gelöcherten Schuhkarton mit nach Hause genommen. Doch diese Helfer wissen nicht, dass sie gerade durch ihre vermeintlich gute Tat die Tiere oft dem Tod weihen. Denn nur selten gelingt es, die scheinbar von ihren Eltern verlassenen Piepmätze aufzupäppeln und wieder in die Freiheit zu entlassen. "Bitte Hände weg von jungen Vögeln", raten daher die Vogelschützer.
Die Aufzucht so eines gefiederten Pflegekinds ist sehr schwierig, erklärt Leo Hradek vom Landesbund für Vogelschutz: "Man müsste die hungrigen Vögel mindestens alle halbe Stunde füttern. Und wer hat schon soviel Zeit?" Auch wissen die unerfahrenen "Retter" oft nicht, welches Futter die einzelnen Vogelarten zum Überleben brauchen. Zudem könne man einen wilden Vogel nicht so einfach im Käfig oder in einer Wohnung halten, warnt der Experte. Deshalb gehen die Pfleglinge trotz aller Mühen meist ein. Anstatt die "verwaisten" Tiere mitzunehmen, soll man sie dort liegen lassen, wo man sie gefunden hat, bitten die Vogelschützer.
Denn die Jungtiere sind Nestflüchter, die ihre Brutstatt oft schon verlassen, bevor sie flügge sind. "Die Elterntiere füttern ihren Nachwuchs aber auch dann weiter. Jungvögel, die zum Beispiel Kinder heimbringen, sollten deshalb schnell wieder an den Fundort gebracht werden. Dabei kann man die Nestflüchtlinge unbeschadet anfassen, weil sich die Elterntiere - anders als etwa Hasen oder Rehe - optisch orientieren, und nicht nach dem Geruch. Der gefiederte Nachwuchs findet sich dann schnell wieder zurecht und wird von den Eltern weiter gefüttert.
Dass Vogelfamilien selbst dann wieder zusammenfinden, wenn sich der Mensch in ihre Belange einmischt, zeigt ein Erlebnis von Leo Hradek: Nachdem vier junge Schwalben mitsamt ihrem Nest sechs Meter tief gefallen waren, hat er sie aufgesammelt und in einem leeren Nest in der Nähe untergebracht. Und sobald er weg war, fingen die Altvögel gleich wieder an, die Kleinen zu füttern. Am Turm der evangelischen Kirche in Immenstadt hat der Vogelfreund auch schon oft junge Mauersegler aufgelesen, die aus dem Nest gefallen waren. Und selbst wenn er sie fremden Eltern "untergeschoben" hat, wurden sie von denen angenommen. Hilflos sind Vögel auch, die gegen eine Wand oder ein Fenster geflogen sind. Sie sind benommen und sehen oft aus wie tot. Werden sie aber in Ruhe gelassen, erholen sie sich in der Regel innerhalb von einer bis eineinhalb Stunden wieder, weiß Leo Hradek aus Erfahrung. Man sollte die erschöpften "Bruchpiloten" deshalb einfach in eine ruhige Ecke des Balkons legen, etwas Wasser auf ihren Schnabel träufeln - und natürlich Katzen und Hunde fernhalten. Manchmal müsse man hilflose Tiere aber auch einfach der Natur überlassen, fordert der Tierfreund - "auch wenn es weh tut."
So sollte man zum Beispiel Jungvögel auch dann nicht nach Hause mitnehmen, wenn ihre Eltern gestorben sind. Denn das verlängere oft nur deren Leidenszeit und führe dann doch meist zum Tod.

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